Was hab ich da gestern Abend noch auf diesem Instagram gelesen: Tomorrow you'll wish you had started today. #motivationalquotes. Klingt unglaublich lächerlich, aber ich habe daraufhin heute Morgen den Bann gebrochen. Laufen kann man es nur nicht wirklich nennen, nach zwei Kilometern und 50 Hustenanfälle später brauchte ich schon die erste Pause und legte im Hyde Park ein nicht ganz so anstrengendes, kurzes Workout ein. Der Vormittag ist für mich aber auch einfach kein guter Zeitpunkt, um Sport zu treiben und heiß war es zudem auch schon. Ausreden, ja ja. Immerhin habe ich mal wieder was getan und konnte mit einem "guten" Gefühl in den Tag starten. Den Rest des Sonntags habe ich heute im Kings Park und Botanischen Garten verbracht, wobei ich auf dem Weg dorthin schon fast umkehren wollte, weil ich mir natürlich wieder die beste Strecke direkt an der Hauptstraße entlang ausgesucht habe und ewig lang kein Ende in Sicht war. Danke GoogleMaps. Endlich angekommen wurde man aber mit einem tollen Ausblick auf Perth belohnt. Wenn im Vorfeld gewusst hätte, dass der Stadtpark mit seinen 400 Hektar zu den größten der Welt zählt und sogar größer als der Central Park in New York ist, wäre ich ein bisschen früher losgegangen. Was ich ganz interessant fand: Fast die Hälfte der 25.000 Pflanzenarten Australiens sind in WA beheimatet und zwei Drittel von diesen wachsen nirgendwo anders auf der Welt (auf natürliche Weise). Ich bin jetzt kein Pflanzenkenner, aber die Dinger haben teilweise schon außergewöhnlich ausgesehen. Höhepunkt war der Lotterywest Federation Walkway mit der Hängebrücke zwischen den Baumwipfeln, von der aus man wunderbar auf den Swan River und die Wolkenkratzer blicken konnte. Irgendwo auf einer Wiese machte ich dann Pause, genoss die Sonnenstrahlen auf meinem Rücken und schwelgte ein bisschen in Gedanken.
Viele werden jetzt denken: Die Alte hat ein Leben! Heute habe ich mir das zugegebenermaßen auch gedacht. Gleichzeitig muss ich aber sagen, dass es nicht immer einfach und garantiert nicht schmerzfrei ist, die Käfigtür zu öffnen, loszuflattern und sich neu zu orientieren. Es ist anstrengend, kräftezehrend und verwirrend. Trotzdem bin ich zu 100 Prozent davon überzeugt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sitzen und habe noch in keiner Sekunde ernsthaft bedauert, im März diesen blöden roten Zettel in den Briefkasten des Schulamtes geworfen zu haben. Und wenn es für mich persönlich nicht das Beste gewesen wäre, was ich vor mittlerweile fast sechs Wochen hätte machen können, wäre ich eben wieder zurück in die (auch schöne) Oberpfalz geflogen und gleichermaßen eine Erfahrung reicher geworden. Doch dieser Alltag zuhause ist im Moment so unglaublich weit weg (und das nicht aufgrund dessen, dass ich mich in dieser Sekunde am anderen Ende der Welt befinde), dass ich das Gefühl gar nicht so recht in Worte fassen kann. Zeitverschiebung hin oder her, hier ticken die Uhren anders. Man hat andere Sorgen und Probleme, doch von Panik ist keine Spur. Warum den Kopf zerbrechen? Für jedes Problem gibt es eine Lösung und die ergibt sich erfahrungsgemäß schneller, als man erwartet. Pläne? Pläne will ich mir schon gar nicht mehr machen und am liebsten alles spontan nach dem Aufstehen entscheiden. Oftmals habe ich das jetzt auch schon. Das klingt sehr naiv und ich hätte nie gedacht, dass ich diese Einstellung mal mit mir selbst vereinbaren kann, aber fast alles, was ich bisher im Voraus gebucht habe, habe ich irgendwo bereut. Das Leben ist selten einfach, geh einfach los. Mach das, was sich für dich gut anfühlt. Du würdest gerne, das ist aber alles nicht so leicht? Es mag vielleicht nicht leicht sein, das stimmt, der erste Schritt ist jedoch immer der schwerste. Es kommt auch nicht darauf an, wie groß er ist, sondern in welche Richtung er geht. Und wer wirklich will, findet immer einen Weg. Irgendwann? Wir leben alle auf den besonderen Tag hin, den Tag X. Dieser "wenn ich erstmal, dann ..."-Tag, der nur höchst selten wirklich eintritt. Wir leben unser Leben, als wären wir unsterblich. Wir warten zu viel ab. Wir denken zu viel nach. Wir wollen keine Fehler machen. Und wenn wir alt sind, und unsere Tage knapp, erst dann werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren. One day baby, we‘ll be old, oh baby we‘ll be old and think of all the stories that we could have told. Unsere Geschichten bleiben viel zu oft traurige Konjunktive. Es geht hierbei nicht primär ums Reisen, sondern schlichtweg nur ums Machen. Ums Freisein. Heute stehe ich gefühlstechnisch wohl wieder mal am Gipfel des Berges, richtig. Ich fühle mich einfach nur frei, so blöd sich das jetzt auch anhören mag. Und nein, ich habe nichts geraucht.
Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.
Mark Twain.
Mark Twain.
So, zurück zu meinem sonnigen Sonntag, ich will hier schließlich keinen Lebensratgeber schreiben: Da ich ich nicht so recht Lust auf Kochen hatte und bei der warmen Abendsonne außerdem nochmal zur Esplanade wollte, schaute ich dort beim Annalkshmi vorbei. Gleiches Konzept wie in Singapur, die Auswahl war zwar gering, dafür aber lecker. Es war eine gute Entscheidung: Ich habe dort zwei Inder kennengelernt, die seit 2,5 und 6 Jahren in Perth leben (und nicht wirklich typisch indisch aussehen) und bin heute das erste Mal so richtig mit jemandem ins Gespräch gekommen. Beziehungsweise sollte ich sagen, dass ich mich auch mal wirklich wohl dabei fühlte. Was ich denn von Angela Merkel halte und wie ich diesbezüglich so in die Zukunft blicke, wollte Ashish wissen, der irgendetwas mit international ??? studiert. Wahrscheinlich Politikwissenschaften oder so. Also für eine intensive Polit-Diskussion bin ich selbst in Deutschland nicht gewappnet. Es war auf jeden Fall eine interessante Unterhaltung und außerdem wurde mir zuletzt noch angeboten, dass sie mir am Dienstag oder Mittwoch ein bisschen die Stadt zeigen. Mal sehen, wie bis dahin die Lage so ist. Da mir die beiden aber echt sympathisch waren, denke ich, dass ich darauf zurückkommen werde. Heute liege ich übrigens mit einem Drogenabhängigen im 6er-Zimmer, der mir schon am Freitag unangenehm auffiel. Er ist aber auf den zweiten Blick ein ganz friedlicher Kerl, hoffe ich. Nur seine Musik könnte er langsam mal ausmachen.
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